Immer weiter hoch hinaus?

Der 4. Januar 2010 ist ein besonderes Datum in der Geschichte der Super-Hochhäuser. Buchstäblich auf Sand gebaut, wird der stolze und 830 Meter hohe Burdsch Chalifa inmitten der größten Weltwirtschaftskrise mit einem gigantischen Feuerwerk in Dubai eingeweiht. Was bis vor wenigen Jahren technisch noch unmöglich erschien, wurde an diesem Tag widerlegt. Die vertikalen Grenzen des Hochhausbaus haben eine neue Dimension erreicht. Noch nie zuvor in der Menschheitsgeschichte ist es gelungen, ein derartiges kolossales Bauwerk auf die Vertikale zu errichten. Angesichts dieses Ereignisses stellt sich schon die Frage, ob der Wettbewerb um berauschende Höhen im Wolkenkratzerbau vorerst beendet ist oder ob dieser weiter geht.

Jenseits jeder Debatte über den ökonomischen (Un-)Sinn oder über sicherheitsrelevante Aspekte (nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001), werden auch in Zukunft weltweit Hochhäuser geplant und gebaut werden. In Shanghai beispielsweise wurden zwischen 1992 und 1997 2.437 Hochhäuser fertig gestellt. Nach offizieller Statistik gab es dort im Jahr 2000 bereits 3.402 Hochhäuser, die höher als 24 Meter sind. 186 Hochhäuser überschreiten sogar die Höhe von 100 Metern.[1] Mittlerweile müssten diese Zahlen für Shanghai deutlich nach oben korrigiert werden. Vor diesem Hintergrund stellt sich zunehmend die berechtigte Frage, ob die Zukunft der Städte den Hochhäusern gehören wird. Auch die Frage nach dem triumphalen Siegeszug dieses Bautyps in die Städte des 20. und 21. Jahrhunderts ist in diesem Zusammenhang eine wichtige.

Den Traum in die Höhe zu bauen, beschäftigt die Menschheit seit jeher. Die ersten historischen Hinweise über die Errichtung von hohen Bauten finden wir bereits in der Bibel. Im 1. Mose 11,4 findet man den Hinweis: „Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen machen.“ Der Turm von Babel (562 v. Chr.) soll eines der ersten Gebäude gewesen sein, das in hoher Bauweise errichtet wurde. Für damalige Verhältnisse hatte der Turm gigantische Ausmaße: Der siebenstufige Koloss hatte eine untere Länge und Breite von jeweils 91,60 Metern, die Höhe betrug 90 Meter und überragte damit bei weitem die Dächer Babylons.

Auch für die Zeit danach findet man in fast allen Epochen und Kulturen Beispiele für die Errichtung von höheren Bauten: Der Pharos von Alexandria (von 305. V. Chr. bis 280 v. Chr. erbaut[2]), erst die romanischen und später die gotischen Kirchen und Dome in Europa (z. B. das Ulmer Münster mit 123,55 Metern Höhe) oder die mittelalterlichen Geschlechtertürme in San Gimignano im heutigen Italien.

Der Grund für dieses Streben der Menschen in die Höhe ist bereits beim Bau des Turmes von Babel angegeben worden und hat sich bis heute nur geringfügig verändert - im Kern ist er jedoch derselbe geblieben: Machtstreben und Prestige. An den Geschlechtertürmen aus San Gimignano kann man dieses besonders gut studieren.

Diese mittelalterlichen Wohntürme waren von wohlhabenden und einflussreichen Patrizierfamilien (z.B. Ghibelli, Salvucci) errichtet worden. Im 13. und 14. Jahrhundert blühte der Handel und nach und nach entstanden bis zu 72 Türme, von denen heute noch 15 existieren.[3] Bis zum Jahr 1255 wurden die statischen Möglichkeiten ausgeschöpft, danach durfte die Höhe des Rathausturmes als Zeichen der Macht von anderen Türmen nicht mehr überragt werden. Bis dahin galt: Je höher ein Turm gebaut wurde, desto mehr Reichtum und Bedeutung wurde der besitzenden Familie zugesprochen.

Das Besondere an diesen Türmen war vor allem ihr Zweck. Zwar stellten sowohl die Geschlechtertürme als auch die gotischen Kirchenbauten Machtsymbole dar, dennoch unterschieden sie sich wesentlich in ihrer Zielrichtung. Die einen waren sakrale Versammlungsorte für den Gottesdienst der Bevölkerung, während die anderen lediglich repräsentative Wohntürme der Adligen waren. Dieses bedeutete auch, dass bei den Geschlechtertürmen die bauliche Höhe nicht mehr als Ausdruck der Gottesverehrung diente, sondern nur gesellschaftlichem Ansehen – das war ein Novum.

Im Vergleich mit den Hochbauten der Antike, des Mittelalters und während der Industrialisierung (z.B. Fabrikschlote, Wassertürme) erreichte die Entwicklung des Hochhausbaus in den USA um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert eine neue vertikale und quantitative Dimension, die bis heute kontinuierlich zunahm.

Die USA befanden sich am Anfang des 20. Jahrhunderts im wirtschaftlichen Aufschwung und der Geist jener Zeit war dort geprägt vom patriotischen Ehrgeiz, wirtschaftlich zu expandieren und den amerikanischen Kontinent zu beherrschen.[4] Des Weiteren strebte das Land auch nach ökonomischem und politischem Einfluss auf der internationalen Bühne. Dieses Bestreben „war auch die Kraft, welche die Erscheinungsform der Architektur am Meisten beeinflusste“.[5] Die wachsende US-amerikanische Wirtschaft war geprägt von einer starken Zunahme des Dienstleistungsbereichs in einer sich rasch entwickelnden kapitalistischen Gesellschaft. Diese Entwicklung trug entscheidend dazu bei, dass sich die Bodenpreise für Bürostandorte in amerikanischen Städten wie New York oder Chicago aufgrund stark gestiegener Nachfrage drastisch verteuerten. Die Konsequenz war die Errichtung von Bürohochhäusern. Bruno Flierl bringt es auf den Punkt: „Das Hochhaus wurde als Bürohochhaus geboren.“[6]

Neben ökonomischen Impulsen waren es vor allem zwei wichtige technische Innovationen gegen Ende des 19. Jahrhunderts, die es ermöglichten, eine neue Dimension im Hochhausbau zu erreichen. Die wichtigste technische Neuerung war die Einführung des Stahlskeletts im Jahre 1884/85, welche die herkömmliche Metallrahmenkonstruktion (engl. cast-iron) ablöste. Nur zwei Jahre später, wurde 1887 der erste elektrische Fahrstuhl in Betrieb genommen, nachdem Elisha Graves Otis im Jahr 1854 den ersten hydraulischen Personenfahrstuhl mit Sicherheitssystemen entwickelt hatte. Die Einführung weiterer technischer und technologischer Errungenschaften jener Zeit wie das Telefon, elektrische Beleuchtung, Ventilation, Fernheizung und Wasserversorgung (insbesondere von elektrischen Wasserpumpen) trugen auch entscheidend dazu bei, dass der Bau von Hochhäusern überhaupt ermöglicht wurde.

Mit der Fertigstellung des Singer Building in New York im Jahr 1908 wurde ein neues Kapitel in der Geschichte des Hochhausbaus geschrieben. Zum ersten Mal in der Geschichte einer Stadt überragte ein Bürohochhaus alle anderen öffentlichen, kulturellen, sakralen, repräsentativen und monumentalen Bauten. Mit einer Höhe von 200 Metern war es das weitaus sichtbare Hauptgeschäftsgebäude der Nähmaschinenfirma Singer und hob alle bis dahin herrschenden Vorstellungen von Höhenbegrenzung auf. Das Singer Building war, wie die Titelseite der New York Times damals verkündete: „(…) etwa 13 Meter höher als das Washington Monument.“[7] Die ökonomische Macht eines Unternehmens konnte durch die Errichtung eines Wolkenkratzers (engl. skyscraper) zum ersten Mal als sichtbares Denkmal in einer Stadt so demonstriert werden, dass dadurch alle anderen Bauten überragt und buchstäblich in den Schatten gestellt wurden. Diese Art von Machtdarstellung erinnert an die vorher erwähnten Hochbauten der Antike und des Mittelalters, aber nun repräsentierte der Wolkenkratzer eine neue Art von Dominanz: Als Symbol des gestiegenen Einflusses der Ökonomie und der zunehmenden Bedeutung wirtschaftlicher Unternehmen. Anders ausgedrückt, kann man behaupten, dass die ersten Wolkenkratzer in New York ein sichtbares Resultat starken wirtschaftlichen Wachstums waren, welches sich im Umfeld der freien Marktwirtschaft in den USA entfalten konnte.

In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts herrschte beim Hochhausbau in Chicago und New York eine klare Priorität: Die Höhe. In dieser Zeit entstanden in New York weltberühmte Hochhäuser, wie das Chrysler Building (1930 erbaut, 350 Meter hoch), das Empire State Building (1931 erbaut, 381 Meter hoch) oder Hochhausgruppen wie das Rockefeller Center (21 Hochhäuser zwischen 1934 und 1940 errichtet), bei dem zum ersten Mal eine Hochhausscheibe zum dominierenden Element (das RCA Building, 259 Meter hoch) verwendet wurde. Das Rockefeller Center erstreckte sich über drei Straßenblocks und war das erste großmaßstäbliche, privat finanzierte städtische Sanierungsprojekt mit gemischter Nutzung in den USA.[8]

Im Gegensatz zur amerikanischen Stadt besaß die europäische Stadt ein großes Erbe, das zu pflegen und zu bewahren war. Die Maßstäblichkeit der amerikanischen Stadt war bis zum Bau der ersten Hochhäuser Ende des 19. Jahrhunderts ähnlich wie in Europa. Der atemberaubende Aufschwung in den USA ließ Städte entstehen, die in einem Zuge geplant wurden und nicht wie in Europa über Jahrhunderte schrittweise geplant und „gewachsen“ waren. Außerdem bestand die amerikanische Stadt aus einer heterogenen  Einwohnerschaft, die weniger durch Tradition (wie in Europa) als eher durch Interessen einer gemeinsamen Arbeitswelt zusammengehalten wurde. Dies hatte auch zur Folge, dass die geplanten amerikanischen Städte von vornherein auf kontinuierliches Wachstum ausgelegt waren. Daraus entstand in der amerikanischen Stadtentwicklung eine homogene Funktionalität, die schließlich in dem Hochhaus – als Anhäufung von Geschossen – gipfelte.[9] Somit entstand das Hochhaus auch als logische Konsequenz einer immer stärker werdenden kapitalistischen Gesellschaft. Das rasante Tempo der amerikanischen Wirtschaft war den traditionsbewussten Europäern eher fremd, und die Amerikaner mussten auch nicht den eher psychologisch bedingten Widerstand des alten Handwerkertums in Europa überwinden, um sich mit neuen, modernen Bauformen anzufreunden.

 

Zunächst negierten die Europäer das Hochhaus und stempelten diese Bauform als ungeheuerlich ab, weil es „Licht und Luft“ raubte.[10] Zwar zog das Hochhaus Anfang der 1920er Jahre doch noch in die ersten europäischen Städte ein, aber nur vereinzelt und bis heute nie in dem starken Umfang und in der Dimension wie in den USA. Zur Zeit der Weimarer Republik (1918 bis 1933) beindruckten diese Gebäudegiganten zunehmend größere Kreise in Europa, vor allem in Deutschland. Höchstwahrscheinlich aufgrund der Bauhaus-Gründung im Jahr 1919 war Deutschland in Europa das Land, wo sich die Meisten für das Hochhaus als Bauform begeistern konnten. Denn im Bauhaus verfolgte man das Ziel, „alle Künste in idealer Einheit zu verbinden“. Die damaligen Möglichkeiten der industriellen Produktion und Technologisierung sollten für das Ziel einer funktional und ästhetisch befriedigenden Gestaltung eingesetzt werden. In den Bauwerkstätten entstanden Vorbilder, die für die Massenproduktion bestimmt waren: Vom Sessel bis zum Wohn(hoch)haus. Insbesondere Bauhausarchitekten wie Mies von der Rohe und Walter Gropius oder der französische Architekt Le Corbusier schafften es in dieser Zeit, die eher konservativ geprägte westeuropäische Gesellschaft vom Hochhaus zu überzeugen, anhand von kühnen und beeindruckenden Entwürfen.[11] Mit dem Einzug der Moderne wurden in den meisten europäischen Großstädten Hochhäuser vor allem am Rande der Stadt in Großwohnsiedlungen gebaut. Durch Vorfabrikation einzelner Elemente oder ganzer Baueinheiten entstanden bis in die 1970er Jahre vor allem ganze Wohnviertel mit monofunktionalen Wohnhochhäusern aus Stahlbeton, die außerhalb jeder ästhetischen Überlegung oft und vermehrt am Stadtrand gebaut wurden. Ein Beispiel hierfür ist die Gropiusstadt in Berlin. Die zwischen 1962 und 1975 gebaute Großwohnsiedlung (18.500 Wohnungen für ca. 45.000 Einwohner) am Rande Berlins spiegelt gut den Geist dieser Zeit wider.

Das Hochhaus ist zwar in einem kapitalistischen Kontext geboren und perfektioniert worden, dennoch entdeckten auch totalitäre Regime diese Bauform für sich. So findet man in den Plänen aus dem Nationalsozialismus für viele deutsche Städte (Berlin, Hamburg, München) sogenannte Gauhochhäuser, welche oft am Ende von städtebaulichen Achsen platziert wurden, um diese majestätischer wirken zu lassen. Auch in den kommunistischen Ostblockstaaten begann man nach dem Zweiten Weltkrieg ebenfalls, Hochhäuser als Symbole einer neuen sozialistischen Gesellschaft zu verstehen. Als städtebauliches Grundmuster für neue Wohngebiete wurde der sozialistische Wohnkomplex vorgegeben.

Wie bisher deutlich wurde, scheinen fast alle Kulturen und Epochen von der Idee besessen zu sein, in die Höhe bauen zu wollen – so auch heute. Beflügelt von der Globalisierung des Welthandels und vom Weltwirtschaftswachstum werden heute mehr denn je Hochhäuser geplant und gebaut. Selbst die jüngste Weltwirtschaftskrise, dessen Auswirkungen noch heute spürbar sind, wird diesen Trend nicht aufhalten können. Hochhäuser bzw. Wolkenkratzer stehen heute wie nie zuvor für die Macht von Konzernen, für deren Konkurrenzkampf in der globalen Wirtschaft sie immer wichtiger werden. Denn wo die höchsten Bürotürme entstehen, dort ist auch der Mittelpunkt der Wirtschaft (z.B. New York, Shanghai). Im 20. Jahrhundert war das Amerika, zu Beginn des 21. Jahrhunderts verlagerten sich die ökonomischen Gewichte wie auch der Wettkampf um die höchsten Türme vor allem nach Asien.

Die heutige weltweite Entwicklung im Hochhausbau ist in Grundzügen vergleichbar mit der Hochhausentwicklung zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den USA: Investoren führen einen Wettkampf um das höchste Gebäude der Welt. Der wesentliche Unterschied zur damaligen Zeit ist, dass dieser Wettkampf heute nicht mehr national, sondern international ausgetragen wird. Ein weiterer Unterschied ist die atemberaubende Dimension, ermöglicht durch die technischen Möglichkeiten heutiger Zeit. Der Drang des Menschen in die Höhe zu bauen, scheint nie größer gewesen zu sein als gegenwärtig. Hinzu kommt auch die besonders starke wirtschaftliche Entwicklung in vielen Staaten im Nahen Osten und Ostasiens, die vor allem im Bau von Super-Hochhäusern, symbolisch ihre ökonomische Potenz demonstrieren möchten. Das ist wahrscheinlich die sinnvollste Begründung, warum in Dubai der Burdsch Chalifa gebaut wurde, der das Empire State Building um satte 449 Meter überragt. Dieses Signal im Wettbewerb der Volkswirtschaften ist in den USA verstanden worden und beispielsweise befinden sich am Ground Zero in New York bereits neue Wolkenkratzer im Bau, von denen der höchste (One World Trade Center, geplante Fertigstellung 2013, voraussichtl. Höhe: 541,3 Meter) die alten Zwillingstürme des World Trade Centers um 124,3 Meter überragen wird.

Wolkenkratzerprojekte wie die eben genannten sind Vorhaben von großem nationalem Interesse, aber mit internationaler Ausstrahlung. Auch nicht die Angst vor neuen terroristischen Anschlägen (wie am 11. September 2001 geschehen) und vor deren globalen Auswirkungen auf den internationalen Börsen und im Weltwirtschaftshandel wird den weltweiten Wettbewerb der Wolkenkratzer aufhalten können. Selbst wenn die Hochhausentwicklung in Shanghai, wie eingangs skizziert, nicht stellvertretend für die Entwicklung aller Weltstädte im 21. Jahrhundert steht, ist eine eindeutige Tendenz erkennbar: Der Wettbewerb der Hochhäuser um neue Höhenrekorde findet weiter statt.

Das geschieht, obwohl das Hochhaus als Bauform im Erscheinungsbild polarisiert (Verschattung, Sonnenreflexion, unmenschliche Dimension), meist eine negative ökonomische und ökologische Bilanz aufweist[12], infrastrukturelle Belastungen mit sich bringt (z.B. zusätzlichen Verkehr durch Nutzer und Besucher) und Verdrängungsmechanismen verursacht (z.B. durch Mietsteigerungen im Umfeld) und in einer Stadt eher zur Kriminalitätssteigerung beiträgt, als niedrigere Wohngebäude.[13] In diesem Beitrag wurden bewusst diese meist negativen Auswirkungen der Hochhäuser auf ihrer Umgebung ausgeklammert. Erstens würde es den Rahmen dieser Seite sprengen und noch wichtiger ist die Tatsache, dass diese Auswirkungen in der Diskussion für oder wider das Hochhaus nur eine Nebenrolle spielen, obwohl die Fachliteratur sich teilweise intensiv mit den vielfältigen Aspekten des Hochhausbaus beschäftigt hat. Angelehnt an der einfachen Botschaft der Hochhäuser „Höhe ist Größe“ treffen die Bauherren ihre Entscheidung für den Bau eines Hochhauses nicht anhand von Rentabilitäts- sondern vielmehr anhand von  Prestigegründen.

Vor diesem Hintergrund wird diese Bauform weiter die Gemüter erhitzen und die Planer beschäftigen. Vor allem hierzulande versuchen die meisten Großstädte durch Hochhauskonzepte, in denen Eignungs- und Tabuzonen definiert sind, zumindest eine Manhattanisierung zu verhindern, um die historischen Stadtsilhouetten mit ihren vielfältigen Kirchtürmen zu bewahren. Insbesondere in Hamburg und München werden Hochhausprojekte erst nach umfangreichen Untersuchungen (u. a.  Stadtbildverträglichkeitsuntersuchung)  zugelassen oder abgelehnt. Frankfurt am Main wirbt dagegen selbstbewusst als Mainhattan und stellt damit in Deutschland eher eine Sonderrolle dar.

Auch wenn insbesondere in Nord-Amerika, Ost-Asien und teilweise in einigen Ballungszentren Lateinamerikas (Buenos Aires, Sao Paolo) und Australiens (Sydney, Melbourne) weiterhin Hochhäuser geplant und gebaut werden, findet in Europa, bis auf wenige Ausnahmen ein eher moderater Wettbewerb der Hochhäuser statt. So haben die Megacities Paris und London Zonen geschaffen, in welchen Hochhäuser ausdrücklich erlaubt wurden (z.B. La Défense bzw. Docklands), dennoch stellen diese eher Ausnahmen dar. Bis auf Frankfurt am Main findet auch in Deutschland eine eher konservative Hochhauspolitik statt, im Hinblick auf die alten historischen Stadtsilhouetten, die bis heute von den Kirchen und Domen dominiert werden. Auch aufgrund der europäischen Geschichte, die stark von einer langen Tradition des Handwerkertums beeinflusst wurde, wird das Hochhaus eher die Ausnahme bleiben. Selbst wenn sich diese Sichtweise ändern sollte, spricht eher gegen diesen Trend die Tatsache, dass mittlerweile viele Planer einsehen, dass sich kleinmaßstäbliche Straßen- und Platzräume über Jahrtausende als vorteilhaftere Kommunikationsräume bewährt haben.[14]

Im weltweiten Rennen um das höchste Gebäude, wird der Burdsch Chalifa zunächst den Rekord halten können, bis ein anderer Bauherr kommt und sagt: „Lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen machen.“

 

von Alexander Brang


 

[1] Rodenstein, Marianne (Hrsg.), „Hochhäuser in Deutschland – Zukunft oder Ruin der Städte“, Verlag W. Kohlhammer, Bonn 2000, S. 11

[2] Vgl. Leonhardt/Heinle, „Türme aller Zeiten - aller Kulturen“, Deutsche Verlagsanstalt (Hrsg.), Stuttgart 1988, S. 32 ff.

[3] Vgl. Leonhardt/Heinle, „Türme aller Zeiten - aller Kulturen“, Deutsche Verlagsanstalt (Hrsg.), Stuttgart 1988, S. 170 ff.

[4] Flierl, Bruno, „Hundert Jahre Hochhäuser – Hochhaus und Stadt im 20. Jahrhundert“, Verlag Bauwesen, Berlin 2000, S. 6

[5] Goldberger, Paul, „Wolkenkratzer – Das Hochhaus in der Geschichte und Gegenwart“, Deutsche Verlags-Anstalt (Hrsg.), Stuttgart 1984, S. 12

[6] Flierl, Bruno, „Hundert Jahre Hochhäuser – Hochhaus und Stadt im 20. Jahrhundert“, Verlag Bauwesen, Berlin 2000, S. 8 ff.

[7] Goldberger, Paul, „Wolkenkratzer – Das Hochhaus in der Geschichte und Gegenwart“, Deutsche Verlags-Anstalt (Hrsg.), Stuttgart 1984, S. 13

[8] Goldberger, Paul, „Wolkenkratzer – Das Hochhaus in der Geschichte und Gegenwart“, Deutsche Verlags-Anstalt (Hrsg.), Stuttgart 1984, S. 107-111

[9] Argan, Giulio Carlo, „Die Kunst des 20. Jahrhunderts 1880-1940“, Propyläen Verlag, Berlin 1984, S. 31 ff.

[10] Neumann, Dietrich, „Die Wolkenkratzer kommen“, Vieweg Verlag Braunschweig, Wiesbaden 1995, S. 62

[11] Neumann, Dietrich, „Die Wolkenkratzer kommen“, Vieweg Verlag Braunschweig, Wiesbaden 1995, S. 39 ff.

[12] Vgl. Rodenstein, Marianne (Hrsg.), „Hochhäuser in Deutschland – Zukunft oder Ruin der Städte“, Verlag W. Kohlhammer, Bonn 2000, S. 7, 11, 12

[13] Kube, Edwin, „Städtebau, Wohnhausarchitektur und Kriminalität – Prävention statt Reaktion“, Kriminalistik Verlag, Heidelberg 1982, S. 43-44, 61

[14] Vgl. Krier, Rob, „Stadtraum in Theorie und Praxis“, Karl Krämer Verlag, Stuttgart 1975, S. 150